Rückblende: Kiew im Jahr 2000

Foto leider nur verwackelt: Trotzdem ein nettes Dokument für den Umgang mit Fleisch. Wer hier allerdings spontan „iiih“ und „bääh“ ruft, der möge sich bitte an "Gammelfleisch" aus Deutschland erinnern. Nicht zuletzt: In zehn Jahren habe ich mir nicht einmal den Magen verdorben. Ganz entscheidend dürfte sein, dass das Fleisch schnell umgeschlagen und zügig verbraucht wird. Und wieder fällt mir eine Anekdote ein, vielmehr eine tatsächlich erlebte Szene:
Ein ewig alter Mercedes (E-Klasse) steht am Platz. Ich erkenne ein russisches Nummernschild an der Frontseite. Die Heckklappe steht offen und im Kofferraum liegen große Rinderstücke. Diese werden von kräftigen Typen auf die Schultern gewuchtet und verschwinden im Hintereingang eines Restaurants. Die Typen sehen alle lecker aus - unrasierte Tschetschenien-Krieger. Keine Ahnung, ob sie die Kuh auf dem Weg, vom Kaukasus nach Kiew, irgendwo von der Weide gezogen haben. Jedenfalls war die Szene für mich echt köstlich und fand mitten in Kiew statt: Auf dem Maidan, dem Hauptplatz von Kiew, vor einen teuren Restaurant. Humor muss man haben und die Augen offen halten. Dann springen einen die kleinen Geschichten förmlich an.

Hund und Katze in der Wurst? Ich glaube nein ... das Foto ist in Kiew entstanden und nicht in China. Diese Würste dürften - so im Vergleich zu deutschen Wurstwaren - eine ganze Ecke gröber und deftiger ausfallen. Schmackhaft? Ja sicherlich, wenn gleich die Geschmäcker bekanntlich verschieden ausfallen. Ich persönlich halte mich in Sachen Fleisch- und Wurtswaren (unabhängig vom geografischen Standort) grundsätzlich etwas zurück.

Die ehemalige UdSSR und somit auch die Ukraine blickt auf eine tragische Geschichte zurück. Kaum ein anderes Land der Welt wurde derart nachhaltig vom Zweiten Weltkrieg geprägt, wie die Sowjetunion. Die Symbole des "Großen Vaterländischen Krieges" sind im Land allgegenwärtig.
Zu Ehren gefallener Soldaten wurde eine zentrale Gedenkstätte sowie ein Militärmuseum eingerichtet. Diese Gedenkstätte liegt am Ort einer ehemaligen Kiewer Festung, welches im Zweiten Weltkrieg sehr hart umkämpft wurde. Die Festung und somit die Gedenkstätte liegt an einer strategisch sehr guten Lage auf einem Hügel hoch über dem Dnjepr und über einem Tal, welches in die Stadt hinein führt. In unmittelbarer Nähe befinden sich das Kiewer Höhlenkloster.
Auf den ersten Blick geht es um die toten Soldaten aus dem Afghanistan-Krieg. In einer voluminösen Gedenkhalle wurde für jedes Opfer aus der Ukraine ein Foto angebracht. Zumeist ganz junge Burschen. Auch das umfangreich ausgestellte Militärgerät stammt aus dem Krieg gegen Afghanistan.
Doch ursprünglich wurden hier die gefallenen Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg geehrt. Man gewinnt ein bisschen den Eindruck, dass eine ehemals sowjetische Gedenkstätte in eine ukrainische Gedenkstädte umgewandelt wurde. Schweres Militärgerät auf engsten Raum. Ein „gewaltiges“ Ausstellungsobjekt. Und nebenan das Kloster.

Am 25.12.1979 marschierten sowjetische Truppen in Afghanistan ein. Die Besetzung wurde von den westlichen und den islamischen Staaten verurteilt. Sie überschattete auch die Olympischen Sommerspiele von 1980 in Moskau, die von vielen Staaten boykottiert wurden. Teile der afghanischen Armee schlossen sich dem Widerstand an und die Mudschahedin erfuhren internationale Unterstützung.
Der Krieg wurde von beiden Seiten äußerst rücksichtslos und grausam geführt. Sofort nach dem sowjetischen Rückzug im Jahre 1989 entbrannte ein blutiger Bürgerkrieg um die Macht in Afghanistan, der von den verschiedenen lokalen Mujaheddin-Führern mit brutaler Härte ausgetragen wurde. Der Bürgerkrieg tobte bis Mitte der 90er Jahre, als die von Pakistan aus operierenden Taliban allmählich Afghanistans unter ihre Kontrolle brachten, um eine islamistische Diktatur zu errichteten.

Trotz einer technischen Übermacht ist es der Roten Armee nicht gelungen, die Rebellen und das Land Afghanistan niederzuringen. Das verhinderten nicht zuletzt massive Waffenlieferungen der Amerikaner (durch den CIA) an die Mudschahedin in Afghanistan. Nun schlagen sich amerikanische und europäische Truppen in Afghanistan. Unter dem Strich kaum weniger erfolglos, als zuvor schon die Russen. Ein trauriges Spiel und ein Beleg für die Unfähigkeit der Weltgemeinschaft. Das ganze ist ein Hasskrieg und Rachefeldzug der verschiedenen Kulturen. Es gibt keinen edlen Krieg.

Ein unübersehbares Wahrzeichen der Stadt Kiew und Herzstück der Gedenkstädte ist die „Rodina Mat“, was übersetzt soviel bedeutet wie „Mutter Heimat“. Diese Statue (68 Meter und 530 Tonnen schwer) ist mit Sockel 108 Meter hoch und soll an den Zweiten Weltkrieg, der hier Großer Vaterländischer Krieg genannt wird, erinnern. Alleine das Schwert ist 16 Meter lang und 9 Tonnen schwer. Das Schild mit dem Emblem der Sowjetunion ist 36 qm groß und 13 Tonnen schwer. Die gewaltige Stahlskulptur wurde 1981 fertiggestellt und am 9. Mai 1981, zum 35. Jahrestag des Sieges, eingeweiht. Das Schwert ist im Verhältnis zur Figur ein bisschen kurz geraten. Es wird erzählt, dass die russisch-orthodoxe Kirche es den Sowjets verboten hätte, ein längeres Schwert zu montieren, weil die Figur den Glockenturm des benachbarten Höhlenklosters überragt hätte.
Fotos: Thomas Kristan Kiew im November 2000
Rückblende: Kiew im Jahr 2000

Viele Lebensmitel kommen nicht nur vom Dorf, sie werden dort auch traditionell weiterverarbeitet. Eingelegte Gurken, Krautsalat oder eingekochte Früchte. Alles hausgemacht und fast immer lecker. Überhaupt ist das ukrainische Gemüse echt intensiv schmackhaft. Holland-Tomaten? Keine Spur! Der kleine private Anbau und vor allem das Saatgut ist klassisch. Vielfach werden Furchen per Pflug mit Hilfe von Pferden in den Boden gezogen. Pestizide wären viel zu teuer und so wird das Unkraut per Hand aus den Boden gerupft.

Zu dem Foto kommt mir eine kleine Anekdote in den Sinn, die ich freilich Jahre später mitbekommen habe. Ein westlicher Tourist (dem Dialekt nach stammte der junge Mann aus Österreich) bedauerte eine alte Babuschka, die am Wegesrand einen kleinen Obststand betrieb: „Mein Gott, was muss das für eine anstrengende Arbeit sein, wenn Sie die ganzen Bananen ernten müssen.“ Die gute Babuschka hat natürlich kein Wort Deutsch verstanden – ganz im Gegensatz zu mir. Den Spott konnte ich mir nicht verkneifen, an ihn gewandt meinte ich: „Glaubst Du wirklich, das in der Ukraine Bananen wachsen?“

Zu den Orangen habe ich auch eine Anekdote aus der "Orangen Revolution" Ende 2004. Diverse Geldgeber ließen unter den Demonstranten für Victor Juschtschenko zahlreich Orangen verteilen. Victor Juschtschenko kämpfte damals für einen pro westlichen Kurs, mit wirtschaftlicher und politischer Rückendeckung u.a. aus den USA (seine Frau ist übrigens Amerikanerin). Jedenfalls griff die politische Gegenseite das Thema auf und die Ehefrau eines hochrangigen Politikers sprach vor vielen Tausend Demonstranten ernsthaft ins Mikrofon: „Diese Orangen wurden von den Amerikanern vergiftet, damit ihr die Stimme nur an Juschtschenko abgeben könnt.“ Ein entsprechendes Gelächter ging durch die Menge.

Die Kopftücher sind in Kiew kein Ausdruck der islamischen Religion. Kopftücher sind ganz einfach nur Kopftücher. Die Bevölkerung in der Ukraine ist vom Glauben her griechisch-orthodox geprägt. Das Wort griechisch-orthodox hat keinen nationalistischen Akzent, sondern bezieht sich auf den Ritus, in dem man die Gottesdienste feiert, d.h. im byzantinischen bzw. griechischen Ritus. Der ist zu unterscheiden vom lateinischen bzw. römischen Ritus der römisch-katholischen Kirche. Die Bevölkerung ist vor allem im Westen der Ukraine gläubig, natürlich auch eine Frage des Alters. Im Donbass zum Beispiel hat die Kirche bei weitem nicht den Einfluss. Alles in allem feiert die Kirche (nach der Wende) sowohl in Russland als auch in der Ukraine eine gesellschaftliche Wiederauferstehung.

Ein Foto von der entgegen gesetzten Verkaufsseite: Ausrangierte Lastwagen landen in der Ukraine (oder in Russland) nicht etwa in der Schrottpresse. Vielmehr werden die alten Laster nach brauchbaren Ersatzteilen durchsucht, ausgeweidet und anschließend als Lager- und Verkaufsflächen auf den lokalen Märkten oder am Straßenrand weiter genutzt. Pragmatisches Recycling und praktisches Business. Einfach und solide wie die LKWs selbst.
Fotos: Thomas Kristan Kiew im November 2000
Rückblende: Kiew im Jahr 2000

Sackweise Nudeln und Getreide. Erst beim eigentlichen Einkauf wird die erworbene Ware für den Kunden in handliche Portionen abgefüllt und eingepackt. Für mich - aus dem Westen kommend - ein völlig anderes Einkaufserlebnis. Die offene Ware, keine Selbstbedienung wie im heimischen Supermarkt und dazu das Gespräch. Nun gut, sofern man ein paar Brocken der russischen Sprache mächtig ist. Damals beschränkte sich mein Vokabular noch auf „Ja“ oder „Nein“ und ich war sicherlich mehr Beobachter als Kunde.

Die Ladeflächen alter LKW´s dienen als Verkaufsfläche. Angeboten wird hier praktisch (fast) alles. Lebensmittel und Gegenstände des täglichen Gebrauchs. Selbst Büromaterial für Schule und Arbeit. Innerhalb der weitläufigen Markthallen oder Marktzelte werden in kleinen Verkaufsabteilungen Kleidung und Textilien angeboten. Eine Box für Damenschuhe und die nächste Box für Kleider. Ein großer Teil der Verkaufsfläche ist selbstverständlich der Damenwelt vorbehalten. Die Textilien kommen überwiegend aus Fernost und aus der Türkei.
Jede Box hat eine eigene Verkäuferin, die geduldig, Tag für Tag, auf kaufwillige Kundschaft hofft. Da gilt es sehr viel Zeit totzuschlagen. Kreuzworträtseln lösen ist hier eine beliebte Beschäftigung. Oder es wird gelesen, geschnattert und Kaffee aus Plastikbechern getrunken. Durch die Verkaufsreihen laufen "Babuschkas" und verkaufen heißen Tee oder Kaffee, direkt aus der Thermoskanne. Der Markt biete vielen Menschen ein (wenn auch karges) Auskommen.

Selbst frischer Fisch ist im Angebot. Der Fisch wird lebend gelagert und schwimmt im Tank, der auf den LKW montiert wurde. Ob die Dame auf dem Foto – in dieser Montur – in den Tank steigt um den Fisch „verkaufsfertig“ zu machen? Ich glaube eher nicht. Doch offenbar handelt es sich um ein feuchtfröhliches Geschäft. Die Fische werden in den heimischen Gewässern um Kiew herum gefangen. Hochseefisch oder Kaviar gibt es in Luxus-Markthallen im Zentrum der Stadt oder in großen Supermärkten.

Geschäftiges Markttreiben wo man hinschaut. Damals war das mein erster intensiver Marktbesuch in Kiew und alles in allem dürfte dieser Markt (nähe Wasilkowska Ulica, meine erste Wohnung) leicht die Größe eines Fußballfeldes überschreiten. Die älteren Bewohner in Kiew kaufen ausschließlich auf solchen Märkten ein, weniger im Supermarkt mit Selbstbedienung. Genauso ist aber die junge Generation hier zu finden. Im Grunde gehen hier alle umliegenden Anwohner einkaufen.
Der moderne Supermarkt (im westlichen Sinne) war eher den besser verdienenden Teilen der Bevölkerung vorbehalten. Das ist oftmals heute noch so, selbst wenn die Abgrenzungen immer schneller schwinden. Denn in den letzten Jahren sind zahlreiche neue Supermärkte und luxeriöse Einkaufszentren entstanden. Nicht alleine in Kiew.
Im Donbass gibt es eine sehr erfolgreiche Supermarktkette und die Besitzerin ist niemand geringesres als Julia Timoschenko. Frau Timoschenko, bei uns als streitbare ukrainische Politikerin mit dem geflochtenen Haarkranz bekannt, gehört zu den reichsten Ukrainern überhaupt.

Wenn das nicht lecker und einladend zum Kauf aussieht? Schade nur, dass meine damalige Digitalkamera unter diesen Lichtverhältnissen schlapp gemacht hat. Jahre später werde ich bessere Aufnahmen machen. Übrigens: Wenn man etwas Freundlichkeit mitbringt, darf man durchaus mal kosten und naschen. Die perfekte Art der Geschmacks- und Qualitätsprüfung. Natürlich stammt hier nicht alles aus der Ukraine. Die unendlichen Warenströme kommen z.B. aus Mittelasien und vom Schwarzen Meer.
Fotos: Thomas Kristan Kiew im November 2000
Rückblende: Kiew im Jahr 2000

„Babuschkas“ bieten rund um den eigentlichen Markt ihre Ernten an. Viele der alte Leute stammen aus den Dörfern rund um Kiew. Kaum eine Familie in der weiten Ukraine, die nicht irgendwo ein Stück Scholle bewirtschaftet. Kartoffeln, Möhren, Kohl - angebaut wird, was der überaus fruchtbare Boden hergibt. Das meiste dient der eigenen Versorgung (für eine ganze Familie) und die Überschüsse werden angeboten um die schmale Rente aufzubessern. Für viele alte Frauen ist das eine Frage des Überlebens. Eines sollte zu denken geben: Hier handelt es sich um die Frauen, welche nach dem Krieg die gloreiche Sowjetunion aufgebaut haben. Die Trümmerfrauen Russlands.

Das Rentenniveau für die alten Menschen in der Ukraine lag damals kaum bei 100 Griwnja. Das waren im besten Fall 30 DM oder 35 DM. Zu viel um zu sterben aber zu wenig um zu leben. Inzwischen wurden die Rentenzahlungen in der Ukraine mehrfach angeglichen. Aber über die Jahre galoppierte auch die Inflation davon. So hat sich die Lage für die Rentner nur unwesentlich verbessert. Sie sind ganz klar die Verlierer der politischen Wende. Sie haben nicht nur ihren Wert der hart erarbeiteten Rente verloren, sondern oftmals auch ihr ganzes (bescheidenes) Vermögen. Sparbücher, in Rubel angelegt, wurden Anfang der 90er Jahre durch den Systemsturz und in Folge der Inflation schlagartig entwertet. Die Sehnsucht nach der guten alten Sowjetunion ist für diese Menschen unendlich groß.

Im Hintergrund kann man die Wechselkurse aus dem November 2000 erkennen. Damals bekam man für eine DM also 2,32 Griwnja und für einen US$ eben 5,45 Griwnja. So echt wahnsinnig haben sich die Kurse nicht verändert. Aktuell (2007) bekommt man 5,00 Griwnja für einen US$ und 6,75 Griwnja für einen Euro. So gesehen, hat der Euro (im Vergleich zur DM und zum US$) an Wert zugelegt. Allerdings muss man in diesem Zusammenhang auch folgendes sehen: Was bekam man im Jahr 2000 für zum Beispiel 10 Griwnja und was bekommt man heute für die gleichen 10 Griwnja? Über die Jahre sind die Preise im Land und insbesondere in Kiew geradezu explodiert. Die Einkommenssteigerungen in der Bevölkerung halten da kaum mit. Jedenfalls nicht in der gemeinen Arbeiterklasse.

Während im Westen moderne Sattelzugmaschinen, vollbeladen mit Lebensmittel für Aldi oder Tengelmann die Straßen kreuzen, werden im tiefen Osten Kartoffel oder Gemüse mit klapprigen PKW´s in Privatinitiative aus den Dörfern gekarrt. Was nicht alles im Kofferraum Platz findet! Klar gibt es professionelle Logistik in der Ukraine, ohne dem können keine Ballungsräume versorgt werden. Genauso, wie es noch Markttage mit Angeboten von lokalen Erzeugen in unseren Regionen gibt. Jedoch hat in der Ukraine das lokale Angebot und die lokale Versorgung (noch) einen ganz anderen Stellenwert als bei uns im Westen. Das gilt für die kleinen Städte in der ukrainischen Provinz noch weit mehr als für Kiew.

Ich habe es schon geschrieben. Die Armut ist in der Ukraine gerade für die alten Menschen ein dramatisches Problem. Ein Trauma! Kaum jemand muss verhungern, jedoch ist das noch lange kein Indiz für ein würdevolles Leben im Ruhestand. Diese Menschen haben im Zweiten Weltkrieg das Land verteidigt und eine deutsche Diktatur niedergerungen. Sie haben nach dem Krieg die Sowjetunion aufgebaut und Stalin ertragen. Wie mögen gerade die alten Menschen „Glasnost“ und „Perestroika“ empfinden? Diese Generation stirbt nach und nach aus – ohne echte Würde und ohne große Anteilnahme der aktuellen politischen Macht.
Fotos: Thomas Kristan Kiew im November 2000
Rückblende: Kiew im Jahr 2000

Die massive Fassade wirkt schon irgendwie einschüchternd - als gäbe es dahinter etwas zu verbergen oder abzuwehren. Der sowjetische Baustil nach dem Krieg. Damals wie heute wird das Gebäude als Büro- und Gewerbefläche genutzt. Jahrzehnte der Planwirtschaft und nun Marktwirtschaft. Unter anderem hat sich hier die Deutsche Post (DHL Paketdienst) eingenistet.
Keine zwei Minuten (ich meine zu Fuß) von hier hatte ich meine erste eigene Wohnung in Kiew. Über 70 qm für 150 US$ Miete im Monat. Mietvertrag per Handschlag. Das war der Preis im Jahr 2000. Heute würde man - insbesondere als Ausländer - für so eine Wohnung locker das vierfache bezahlen ... und in der unmittelbaren Nähe einer U-Bahn-Station das sechsfache. Kiew ist teuer geworden.

Das Werbeplakat vom Foto zuvor rangezoomt und es offenbart sich eine nette Anti-Raucher-Campagne. Das Plakat vermittelt eine klare Botschaft, wie ich finde. Ob das die Menschen vom Rauchen abbringt? Ich habe Zweifel, in Kiew wird auffallend viel geraucht. Ganz gleich ob Männer, Frauen, Jung oder Alt: Alle greifen sie viel zu gerne zum Glimmstengel. Zigaretten waren (sind eigentlich bis heute) im Osten vergleichsweise spottbillig.
Am Stadtrand von Kiew hat der Tabak-Konzern "Reemtsma" in ein nagelneues Zigarettenwerk investiert. Für die Tabakkonzerne ist der Osten Europas ganz sicher ein geschäftliches Eldorado. Die Diskussion über Rauchen und Gesundheit hält sich (noch) in engen Grenzen und Zigaretten kann man praktisch an jeder Ecke kaufen.

Die sowjetische Architektur wurde immer dadurch geprägt, möglichst schnell und möglichst kostengünstig Wohnraum zu schaffen. Klar, das dabei Ästhetik und Wohnkomfort auf der Strecke blieben oder in den Hintergrund traten. Wohnraum blieb in der Sowjetunion ein knappes Gut. Das hat sich in Zeiten der Ukraine nicht wesentlich verändert. Am wenigsten in Kiew.
Obwohl in der Stadt Kiew heutzutage gebaut wird, was das Zeug hält, haben die Wohnungspreise westliches Niveau erreicht. Im Gegensatz zu den (aus unserer Sicht) hässlichen Gebäuden, sind die Wohnungen oftmals liebevoll eingerichtet. Die Wohnungen sind heute wesentlich (durch staatliche Eigentumsübertragung in den 90er Jahren) im Besitz der "alt" eingesessenen Bewohner. Oftmals das einzige verbliebene (sowjetische) Vermögen einer Familie.

Ein Plattenbau mit 15 Stockwerken mitten in Kiew. In der Ukraine (wie auch in Russland) wird das Erdgeschoss als erstes Stockwerk mitgezählt. Diese riesigen Wohnkomplexe mögen für uns im Westen „schrecklich“ wirken. Aber die Bewohner fühle sich hier wohl. Es gibt Aufzüge (sofern sie funktionieren) und praktische Müllschächte. Der Eingangsbereich wird militärisch streng von einer „Babuschka“ oder einen „Djeduschka“ überwacht, damit nicht jede fremde Person unkontrolliert durch das Haus stiefelt. Die Beauftragten nehmen ihre Aufgabe äußerst ernst. Als Fremder gibt es ohne Erklärung oder Diskussion kaum ein Durchkommen. Ich habe da so meine eigenen Erfahrungen.
Schenkt man offiziellen Angaben Glauben, so leben in Kiew rund 2,5 Millionen Menschen. Doch nicht jeder Einwohner in Kiew ist tatsächlich registriert. Der Zuzug von Menschen aus den ukrainischen Regionen hält ungebrochen an. Tatsächlich dürften in Kiew sehr deutlich über 3 Millionen Menschen leben. Ich habe auch schon von bis zu 5 Millionen Einwohnern gelesen, halte diese Zahl aber für übertrieben. Wie auch immer: Kiew ist, sowohl in der Fläche als auch in der Einwohnerzahl, sehr gut mit Berlin vergleichbar.

Auch wenn in Kiew immer mehr Supermärkte entstehen, für weite Teile der Bevölkerung sind die Märkte Dreh- und Angelpunkt für den alltäglichen Einkauf. Schon alleine deshalb, weil das Angebot in den Supermärkten (zum Teil Importwaren) für die meisten Menschen zu teuer ist. Nach wie vor faszinieren mich die Märkte und Markthallen im Osten. Alles ist bunt und vielfältig. Die Menschen, das Treiben und nicht zuletzt natürlich das breite Warenangebot. Offen, unverfälscht, kommunikativ und menschlich. Das kann ein moderner Supermarkt nicht mehr bieten.
Fotos: Thomas Kristan Kiew im November 2000
Rückblende: Kiew im Jahr 2000

Mein erstes Digitalfoto in Kiew wurde (typisch Mann) dieser schwarze Wolga (GAZ). Nur wenige Wochen zuvor hatte ich mir eine neue Canon-Kleinbild-Digitalkamera (für unglaubliche 2.198 DM) zugelegt. Offen gesagt wurden die wenigsten Fotos damit eine Offenbarung. Aber für das Internet und für meine persönlichen Erinnerungen halten diese Fotos allemal her.

Ebenfalls ein Wolga - lediglich ein Stück weit älter als zuvor. GAZ ist ein russischer Autobauer mit Sitz in Nischni Nowgorod. Eigentlich heißt der Autobauer "Gorkowski Awtomobilny Sawod" (GAS) und wurde 1932 als Resultat des ersten Fünfjahrplans der Sowjetunion ins Leben gerufen. Heute gehört GAZ zum Imperium von Oleg Deripaska (zweitreichster Oligarch in Russland). Neben PKWs baut der Konzern in ganz Russland auch Busse, Lastwagen, Lieferwagen, Baumaschinen und schwere Motoren.

Der Trolleybus ist ein weit verbreitetes Verkehrssystem im Osten Europas. Die Busse besitzen einen elektrischen Antrieb und sind durch die Oberleitung natürlich spurgebunden. Dieses charmante Exemplar wurde praktisch nur noch vom Rost zusammengehalten. Im Bus fährt eine "Babuschka" mit, die nicht nur das (für uns im Westen äußerst günstige) Fahrgeld einsammelt, sondern bei Bedarf (das passiert vor allem im Winter) auch den Abnehmer an die Oberleitung zurückführt, sofern der mal wieder abgesprungen ist. Inzwischen dürften diese mausgrauen Sowjetteile weitgehend aus dem Straßenbild von Kiew verschwunden sein. Oder nicht?

Wenn es in Kiew brennt wählt man am Telefon die Nummer "01" um die Feuerwehr zu rufen ("02" steht für die Polizei und "03" für den medizinischen Notdienst). Doch was nutzt dieses praktische Wissen ohne fundamentale Kenntnisse der russischen Sprache? Englisch wird in Kiew sehr selten gesprochen. Die ältere Generation kennt ohnehin keine westliche Fremdsprache.

ZIL ist ein russischer LKW-Hersteller mit zentralen Sitz in Moskau. Das Unternehmen wurde bereits im Jahre 1916 und damit vor der Oktoberrevolution gegründet. Zeitweise hieß das Kombinat dann "Stalin-Werk", bis es nach dem XX. Parteitag der KPdSU in „Sawod imeni Lichatschowa“ (zu deutsch Lichatschow-Werk) umbenannt wurde. Die Produktion ist noch heute weitgehend im Staatsbesitz.
Fotos: Thomas Kristan Kiew im November 2000
