Slawische Seele
Ein älterer Djeduschka (zu deutsch, ein älterer Opa), ergraut und etwas unrasiert läuft vor dem Lebensmittelgeschäft und zählt seine letzten Kopeken in der einen Hand. Er murmelt etwas abwesend vor sich hin: „Naja, für Brot reicht das wohl nicht mehr.“
In der anderen Hand hält er eine gerade frisch erworbene Wodkaflasche. Ganz nüchtern schien er nicht zu sein und so lässt er, in seinem schluffigen Schritt, die Flasche zu Boden fallen. Das gute Stück schlägt auf - doch die Flasche bleibt auf wunderbare Weise heil. Mit großen, dankbaren Augen schaut der Mann zum Himmel und spricht aus vollem Herzen: „Oh, es gibt wirklich einen Gott!“
Dann bückt sich Djeduschka um die Wodkaflasche aufzuheben. In diesem Moment stürzt eine weitere Flasche Wodka aus den Tiefen seiner Jacke hervor und knallt direkt auf die schon am Boden liegende Flasche. Beide Flachen zerbrechen in unzählige Glasscherben und der gute Wodka ergießt sich über den Asphaltboden.
Djeduschka lässt sich verzweifelt auf den Hosenboden fallen. Die Männer um ihn herum fühlen mit, wer das versteht, der kann die slawische Seele leise weinen hören. Ein Drama ohne Worte. Nicht ganz, denn man hört in der augenblicklichen Stille eine Frau leise lachen – na klar, sie sieht die Situation aus einer ihr völlig eigenen Perspektive.
