Mehr Netto vom Brutto
Nach der schweren Krise boomt die Wirtschaft und deutsche Unternehmer sind in der Lage, die besseren Gewerkschafter zu spielen. In erfolgreichen Branchen wie Auto, Chemie oder Maschinenbau werden großzügige Erfolgsprämien ausgezahlt. Im Lager der Gewerkschaften wird der unverhoffte Geldsegen mit gemischten Gefühlen betrachtet. Sie erkämpften zuletzt langfristige Verträge mit magere Tariferhöhungen von 2 bis 3 Prozent. Wer mag den Gewerkschaften noch zuhören, wenn die Zahl der Arbeitslosen sinkt und die Unternehmen Gehaltssteigerungen freiwillig überweisen?
Doch auch die Arbeitnehmer betrachten ihren wohlverdienten Bonus mit einen lachenden und einen weinenden Auge. Nämlich spätestens dann, wenn sich das fette Brutto zu magerem Netto verwandelt. Für die meisten Arbeitnehmer ergibt sich dadurch folgendes Bild: Von jeden Euro Mehrverdienst verschwinden 60 Cent in Form von Steuern und Sozialabgaben in fremde Taschen. Der wahre Feind des Arbeitnehmers sitzt derzeit weniger in der Chefetage, als vielmehr im Berliner Regierungsviertel.
Die kalte Progression schlägt gnadenlos zu. Nicht grundlos wurde die FDP, die bei der letzten Bundestagswahl mit „mehr Netto vom Brutto“ angetreten ist, vom Wähler auf ein Minimum an Akzeptanz zurückgestutzt. Richtig so! In Anbetracht der Entwicklung wird es allerdings höchste Zeit für eine Überarbeitung der Steuertabellen. Die ungerechte Steuerprogression wird eigentlich nur noch von der Ausgabenexpansion einer völlig durchgeknallten Euro- und Energiepolitik übertroffen.
