Rückblende: Kiew im Jahr 2000

Foto leider nur verwackelt: Trotzdem ein nettes Dokument für den Umgang mit Fleisch. Wer hier allerdings spontan „iiih“ und „bääh“ ruft, der möge sich bitte an "Gammelfleisch" aus Deutschland erinnern. Nicht zuletzt: In zehn Jahren habe ich mir nicht einmal den Magen verdorben. Ganz entscheidend dürfte sein, dass das Fleisch schnell umgeschlagen und zügig verbraucht wird. Und wieder fällt mir eine Anekdote ein, vielmehr eine tatsächlich erlebte Szene:
Ein ewig alter Mercedes (E-Klasse) steht am Platz. Ich erkenne ein russisches Nummernschild an der Frontseite. Die Heckklappe steht offen und im Kofferraum liegen große Rinderstücke. Diese werden von kräftigen Typen auf die Schultern gewuchtet und verschwinden im Hintereingang eines Restaurants. Die Typen sehen alle lecker aus - unrasierte Tschetschenien-Krieger. Keine Ahnung, ob sie die Kuh auf dem Weg, vom Kaukasus nach Kiew, irgendwo von der Weide gezogen haben. Jedenfalls war die Szene für mich echt köstlich und fand mitten in Kiew statt: Auf dem Maidan, dem Hauptplatz von Kiew, vor einen teuren Restaurant. Humor muss man haben und die Augen offen halten. Dann springen einen die kleinen Geschichten förmlich an.

Hund und Katze in der Wurst? Ich glaube nein ... das Foto ist in Kiew entstanden und nicht in China. Diese Würste dürften - so im Vergleich zu deutschen Wurstwaren - eine ganze Ecke gröber und deftiger ausfallen. Schmackhaft? Ja sicherlich, wenn gleich die Geschmäcker bekanntlich verschieden ausfallen. Ich persönlich halte mich in Sachen Fleisch- und Wurtswaren (unabhängig vom geografischen Standort) grundsätzlich etwas zurück.

Die ehemalige UdSSR und somit auch die Ukraine blickt auf eine tragische Geschichte zurück. Kaum ein anderes Land der Welt wurde derart nachhaltig vom Zweiten Weltkrieg geprägt, wie die Sowjetunion. Die Symbole des "Großen Vaterländischen Krieges" sind im Land allgegenwärtig.
Zu Ehren gefallener Soldaten wurde eine zentrale Gedenkstätte sowie ein Militärmuseum eingerichtet. Diese Gedenkstätte liegt am Ort einer ehemaligen Kiewer Festung, welches im Zweiten Weltkrieg sehr hart umkämpft wurde. Die Festung und somit die Gedenkstätte liegt an einer strategisch sehr guten Lage auf einem Hügel hoch über dem Dnjepr und über einem Tal, welches in die Stadt hinein führt. In unmittelbarer Nähe befinden sich das Kiewer Höhlenkloster.
Auf den ersten Blick geht es um die toten Soldaten aus dem Afghanistan-Krieg. In einer voluminösen Gedenkhalle wurde für jedes Opfer aus der Ukraine ein Foto angebracht. Zumeist ganz junge Burschen. Auch das umfangreich ausgestellte Militärgerät stammt aus dem Krieg gegen Afghanistan.
Doch ursprünglich wurden hier die gefallenen Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg geehrt. Man gewinnt ein bisschen den Eindruck, dass eine ehemals sowjetische Gedenkstätte in eine ukrainische Gedenkstädte umgewandelt wurde. Schweres Militärgerät auf engsten Raum. Ein „gewaltiges“ Ausstellungsobjekt. Und nebenan das Kloster.

Am 25.12.1979 marschierten sowjetische Truppen in Afghanistan ein. Die Besetzung wurde von den westlichen und den islamischen Staaten verurteilt. Sie überschattete auch die Olympischen Sommerspiele von 1980 in Moskau, die von vielen Staaten boykottiert wurden. Teile der afghanischen Armee schlossen sich dem Widerstand an und die Mudschahedin erfuhren internationale Unterstützung.
Der Krieg wurde von beiden Seiten äußerst rücksichtslos und grausam geführt. Sofort nach dem sowjetischen Rückzug im Jahre 1989 entbrannte ein blutiger Bürgerkrieg um die Macht in Afghanistan, der von den verschiedenen lokalen Mujaheddin-Führern mit brutaler Härte ausgetragen wurde. Der Bürgerkrieg tobte bis Mitte der 90er Jahre, als die von Pakistan aus operierenden Taliban allmählich Afghanistans unter ihre Kontrolle brachten, um eine islamistische Diktatur zu errichteten.

Trotz einer technischen Übermacht ist es der Roten Armee nicht gelungen, die Rebellen und das Land Afghanistan niederzuringen. Das verhinderten nicht zuletzt massive Waffenlieferungen der Amerikaner (durch den CIA) an die Mudschahedin in Afghanistan. Nun schlagen sich amerikanische und europäische Truppen in Afghanistan. Unter dem Strich kaum weniger erfolglos, als zuvor schon die Russen. Ein trauriges Spiel und ein Beleg für die Unfähigkeit der Weltgemeinschaft. Das ganze ist ein Hasskrieg und Rachefeldzug der verschiedenen Kulturen. Es gibt keinen edlen Krieg.

Ein unübersehbares Wahrzeichen der Stadt Kiew und Herzstück der Gedenkstädte ist die „Rodina Mat“, was übersetzt soviel bedeutet wie „Mutter Heimat“. Diese Statue (68 Meter und 530 Tonnen schwer) ist mit Sockel 108 Meter hoch und soll an den Zweiten Weltkrieg, der hier Großer Vaterländischer Krieg genannt wird, erinnern. Alleine das Schwert ist 16 Meter lang und 9 Tonnen schwer. Das Schild mit dem Emblem der Sowjetunion ist 36 qm groß und 13 Tonnen schwer. Die gewaltige Stahlskulptur wurde 1981 fertiggestellt und am 9. Mai 1981, zum 35. Jahrestag des Sieges, eingeweiht. Das Schwert ist im Verhältnis zur Figur ein bisschen kurz geraten. Es wird erzählt, dass die russisch-orthodoxe Kirche es den Sowjets verboten hätte, ein längeres Schwert zu montieren, weil die Figur den Glockenturm des benachbarten Höhlenklosters überragt hätte.
Fotos: Thomas Kristan Kiew im November 2000
