Die Geisterstadt
Slawutitsch
Nach der Evakuierung von Pripyat wurde schnell klar, für die ehemaligen Arbeiter und Familien am Standort Tschernobyl musste eine neue Wohnstadt her. Im Osten, unweit der Sperrzone, wurde Slawutitsch als Ersatz für die Stadt Pripyat errichtet. Im Sommer 2002 habe ich Slawutitsch, die Stadt mitten im Nichts, zum ersten mal besucht. Eine lange, fast schnurgerade Asphaltpiste führt durch den dichten Wald nach Slawutitsch. Das ist der einzige Weg in die Stadt. Die Zufahrtsstraße ist so breit, hier könnte bequem ein Flugzeug landen.
Die weißrussiche Grenze ist nur ein Katzensprung weit entfernt. Im April 1986, im Jahr der Reaktorkatastrophe, war das alles noch die Sowjetunion. Heute trennt eine schmale weissrussiche Landzunge die Städte Slawutitsch und Tschernobyl. Dafür verbindet eine 1986 erbaute Eisenbahnlinie Slawutisch und Tschernobyl, durchs weißrussische Staatsgebiet. Die Einwohner der Stadt Slawutitsch leben nach wie vom Atomkraftwerk Tschernobyl. Das zerstörte Kraftwerk sichert ihnen einen für die Ukraine relativ hohen Lebensstandart. Was allerdings nach dem Abschalten der letzten Meiler nicht mehr für jeden Arbeiter gilt. Trotzdem, das Kraftwerk wird für die nächsten Jahrzehnte eine Baustelle bleiben.
Slawutitsch - eine wirklich komische Atmosphäre, die Stadt wirkt auffallend klinisch. In Slawutitsch haben verschiedene Regionen aus der Sowjetunion „schnelle“ Aufbauhilfe geleistet: Häuser von Arbeitern aus dem Baltikum oder Häuser von Arbeitern aus ganz anderen Regionen der ehemaligen Sowjetuinion. Tschernobyl war eine sowjetische Katastrophe und wurde mit dem Zerfall des Reiches zu einer ukrainischen und weißrussischen Katastrophe. Wie auch immer: Die unterschiedlichen Baustile stehen direkt nebeneinander und ergeben ein bizarres Stadtbild.






Neben mehrstöckigen „typisch osteuropäischen“ Wohnburgen stehen kleine Einfamilienhäuser. Eine recht ungewöhnliche Kombination in einer sowjetischen Stadt. Überhaupt, ist alles hier so sauber, so aufgeräumt. Als ob man mit der Sauberkeit die Radioaktivität aus der Stadt halten wollte. Mit verbundenen Augen hier abgestellt, hätte ich die Ukraine nicht wieder erkannt.
Auf dem zentralen Platz (der zentrale Platz in Slawutitsch wurde im wesentlichen dem zentralen Platz in Pripjat nachempfunden) zwei Gedenksteine: Der eine Stein (etwa 3 Meter lang), ein großes Bild wo ein Wissenschaftler (mit Kopf- und Mundschutz) zwei Stromkabel mit ausgestreckten Armen weit auseinander hält. Die enden der Stromkabel blitzen. Das ist das Hauptmotiv. Als Teilmotiv ist ein Atomkraftwerk und eine Autokolonne (als Zeichen der Evakuierung?) zu sehen, ein Fluss und ... alles ist mir nicht in der Erinnerung geblieben. Dazu folgende Inschrift in englischer und russischer Sprache: „Wir bauen die Welt neu auf“.
Der zweite Stein wirkt kaum besser: Gestalten in dunklen Schutzanzügen. Mit ihren Atemmasken sehen sie aus wie Soldaten im Atomkrieg. Ein "Soldat" mit Schaufel und weißer Rose in den Händen, soll wohl Hoffnung verkünden. Und dazu die Inschrift: „Auferstanden aus der Asche des Alten“ – wieder in englischer und russischer Spache. Spiegelt das die slawische Seele wieder? Nein, ich hoffe diese Gedenksteine stehen für Auswüchse sowjetischer Technokraten.
