Das tapfere Schneiderlein
April 2008
Meine kleine Geschichte vom tapferen Schneiderlein, ereignete sich praktisch am ersten Tag in Thailand. Kein Scherz: In den Touristenzentren von Bangkok, Pattaya oder Phuket gib es scheinbar mehr Schneider-Läden als Bars oder Restaurants. Das ganze Gewerbe ist offenbar fest in indischer Hand. Meistens sind das smarte und gepflegte junge Männer, die vor dem Geschäft auf Kundschaft warten. Warten? Offensiv werben! Bei jeder sich bietenden Gelegenheit wird der "Farang" angesprochen. Wenn das alleine nichts hilft, greifen die "Taylor" dem Passanten nicht selten an die Wäsche.
"Oh dear Sir! How are you an where you com from?" Der "Chef" des Hauses streckt mir dabei verbindlich die Hand zum Gruß entgegen: "Nice to meet you, maybe you need some jacket and trousers? I make a good price, special for you!" Bevor ich meine Hand noch entziehen und sicherheitshalber in der Hosentasche versenken kann, hat er sie zum Gruß gepackt um sie nicht wieder los zu lassen. Mit freundlicher Gewalt werde ich in den Laden gezogen. "Very good quality and so cheap for you!" Ach Scheiße, hast ja sonst nix vor und ein paar neue Klamotten wären auch nicht so schlecht. Ich denke allerdings, nachdem ich 10 Kilo abgespeckt hätte! Meine maßgefertigten Anzüge in Kiew sitzen inzwischen recht eng. Trotzdem: Nur einfach so will ich es mir nicht gestatten, etwas mehr Stoff als notwendig um den Bauch schneidern zu lassen. Wie auch immer, man macht das Spielchen also mindestens einmal mit.
"Sir! Where you come from?" Meine Antwort formuliere ich etwas genervt in deutscher Sprache: Vom Mond, natürlich! Und ich werde eiskalt erwischt: "Oh, you are from Germany? Nice country, realy nice country." Und als ob das nicht genug wäre, fügt das indische Schneiderlein ein gebrochenes "Guten Tag Sir!" hinzu. Genauso schlitzohrig geht das unausweichliche Verkaufsgespräch in die nächste Runde: "You like Thailand?" Was soll man darauf wohl sagen? Ja klar, ich bin hier weil ich Thailand abgrundtief hässlich finde? Mir liegt eine Gegenfrage auf der Zunge ... you like India? Nein, wer wird denn hier unhöflich werden. Schließlich befinde ich mich im Land des Lächelns.
Der Schneider zeigt mir ein fertiges Sakko. "Very high quality" und ich darf es anfassen. Nein, ich muss es anfassen! Fass! Im Internet konnte ich lesen, das manche Schneider die Stoffe lediglich verkleben. Das geht schneller als richtiges Nähen. Nur fällt dann das Sakko nach der ersten Reinigung wieder auseinander. Ich lasse also den Klugscheißer raus, in der Hoffnung das tapfere Schneiderlein aus der Fassung zu bringen: "You dont use glue?" Mein Gott, ich ernte ein völlig entsetztes Gesicht! Fast möchte ich mich für meine Frage entschuldigen ... aber Mr. Taylor lächelt schon wieder ... mit aller milden Güte, die ein Hindu so aufbringen kann. Ein geschäftstüchtiger Hindu! "No, no, no ... all perfectly work and very high quality ... we take only the best for you!" Innerlich übersetze ich mir: Er will nur mein bestes, meine Kohle! Naja, wie kann ich ihm seine Geschäftstüchtigkeit zum Vorwurf machen? Eher nicht. Es ist ja auch nicht so, dass ich überhaupt kein Interesse hätte, nichts desto weniger versuche ich das Gespräch zum Ende zu führen. "And what is your special price for me?"
Mr. Taylor überhört meine Frage und drückt mir ein Musterbuch in die Hand. Abgebildet sind echt smarte Männer in perfekt sitzender Kleidung. Europäische Männer. Amerikanische Männer. Jedenfalls Langnasen aus dem Westen. Ich möchte keine unhaltbaren Behauptungen aufstellen ... aber da könnte glatt jemand einen Otto- oder Quelle-Katalog zerschnitten haben. Ich werde zum Sitzen genötigt. Aha, wer sitzt kann nicht weglaufen! Ich blättere und heuchle weiterhin Interesse vor. Will ja schon wissen, was so was nun kostet. "How many buttons should have the jacket?" Keine Ahnung, brumme ich leicht genervt vor mich hin - in meiner Muttersprache. Blätter hin und her und deute auf einen Anzug der mir tatsächlich gut gefällt. Dabei hatte ich weniger die Anzahl der Knöpfe vor Augen als vielmehr Schnitt, Farbe und Stoffmuster. Ganz abgesehen davon war ich, im hintersten Hinterkopf, neidisch auf den Flachen Bauch der hier abgebildeten Anzugträger. Das hebt meine Kauflaune nicht wirklich an.
Ich komme auf des Pudels Kern zurück: And what is the price? Deute dabei auf Sakko, Hose und die Weste. Gelassen greift Mr. Taylor zum Maßband und verkündet nun maßnehmen zu wollen. Schließlich, so seine Erklärung, ist der Preis von der Menge des Stoffes abhängig. Als ob ich es geahnt hätte: Mit 10 Kilo weniger auf den Rippen würde ein Anzug nur halb so viel Stoff benötigen und damit nur halb so viel kosten! In mir wächst die Ungeduld und überhaupt bin ich jetzt wirklich gekränkt ... von der Menge des Stoffes! Nee, das hat der Inder nicht drauf! Statt eine Anspielung auf meinen Bauch zu machen hätte er ja sagen können: Der Preis hängt von der Qualität des Stoffes ab. Im Zweifel wäre noch gegangen: Die Anzahl der Knöpfe macht den Preis. So aber hat er mich als Käufer gedemütigt und praktisch schon verloren!
Was mir so an Gedanken durch den Kopf geht, gefangen in einen indischen Schneiderladen in Thailand. Egal! Ich ringe nach einer Antwort um endlich auf den Punkt zu kommen. Ich meine, Englisch ist nicht meine Muttersprache und wie übersetzt man, praktisch zu Kauf oder Stirb verdammt, Sätze wie: "Entschuldigung Herr Schneider, draußen sind über 35 Grad im Schatten und mir läuft der Schweiß in Rinnsalen die Arschbacken runter. Sie wollen da wirklich an mir maßnehmen? Nee, das ist mir äußerst unangenehm, das muss ich mir eigentlich echt nicht geben. Da hat der ganze Spaß ein Loch, sozusagen ein Knopfloch! OK, ich hätte das schon so sagen können (auf Englisch) mir fehlte nur die passende Vokabel für „Knopfloch“.
Also balle ich meine Hand, strecke den Daumen nach oben und schwenke hin und her ... als Zeichen für einen ungefähren Preis. Bitteschön! Mensch Meier, der Mann ist doch Profi und wusste schon als er mich in den Laden zerrte wie viel Meter Stoff er benötigt. Oder wie viel Gramm Klebstoff. Der Schneider druckst herum ... das ist meine Chance und ich klappe das Musterbuch zu und stehe auf. Nein, versuche aufzustehen! Sanft werde ich in das verkaufsweiche Ledersofa zurückgedrückt. Mr. Taylor lächelt mal wieder wohlwollend und fragt mich, wie viele Hemden und Krawatten ich denn dazu haben möchte ... nein, auf Hemd und Krawatte hatte ich eigentlich nicht gezeigt. Er öffnet erneut das Musterbuch, während ich mich daran erinnere im Land des Lächelns zu verweilen. Eigentlich um Urlaub zu machen und weniger um Anzüge zu kaufen. Ich nehme ihm das Musterbuch wohlwollend ab und blättere bis zu meinen Wunschanzug vor, deute erneut auf "Wunsch-Sakko", "Wunsch-Hose" und "Wunsch-Weste". Freundlich lächelnd trage ich meine bescheidene Frage vor: "Why I get no very special price ... from you ... for me?"
Endlich ein bescheidener Punktsieg für mich, schließlich greift Mr. Taylor zum Taschenrechner und mit flinken Fingern scheint er eine individuelle Kalkulation einzugeben. Das geht so eine ganze Weile, diesen "special price for me" zu ermitteln. Inzwischen beginne ich leicht zu frieren. Meine Klamotten sind schweißdurchtränkt und im Laden läuft eine gnadenlose funktionierende Klimaanlage. Mr. Taylor dreht mir endlich den Taschenrechner zu und schenkt mir erneut ein gewinnendes Lächeln. Ich kann die Zahl 9.000 vom Display ablesen. Wow, so viel eingetippt, gerechnet, kalkuliert ... und es kommt eine gerade Zahl dabei heraus! Jetzt gehe ich aufs ganze, ich will kein Sieg nach Punkten, ich will den ultimativen K.O.-Schlag! Ich mache einen auf "unsicher" und frage so leicht bestürzt ... 9.000 US$? Mr. Taylor glotzt mich Fassungslos an, die Überraschung steht ihm ins Gesicht geschrieben. Ja! Das hat voll gesessen! "No, no Sir - only 9.000 Bath for you! My special price for you!" Ich muss lachen. Wo er recht hat, hat er recht. Wie sich noch herausstellen wird.
Aha 9.000 Bath. Also um die 180 Euro oder 280 US$. Ich nicke bedächtig und blättere noch ein bisschen in der Mustermappe. Ich muss meine deutschen Gedanken auf Englisch übersetzen. Du Sack! Ich habe das sichere Gefühl, du willst mich hier ausnehmen. Ins Englische übersetzt heißt das dann: "I am a backpacker and I have no place in my backpack - I am sorry, tomorrow I go to Bangkok and fly home!" Mr. Taylor lächelt mich wieder an. Ganz offenbar ist meine "wörtliche" Übersetzung nicht so wirklich angekommen. Scheiß Englisch! Sein Konter bedeutete nicht nur ein Punktsieg - sondern fast mein K.O.! "Oh Sir, this is realy no problem for you!" Und schon wieder hat dieser clevere Inder das Maßband in der Hand. "I take your size ... we work with very good quality ... and send all with Thai-Post to you! Where you come from? War das nicht schon lange geklärt? Oder grüßt mich jetzt täglich das Murmeltier? From Germany, meine knappe Antwort. Ich liege quasi am Boden, der Punktrichter beginnt zu zählen ... 10, 9, 8 ... wie komme ich aus der Nummer wieder raus?
Ich erhebe mich bestimmt aus dem Ledersofa. Ich denke: Ein guter Schneider nimmt Maß und kontrolliert am Ende die Anprobe: "Sir, a realy good taylor take my size and control the result by fitting. You think so too? Das tapfere Schneiderlein gibt sich noch lange nicht geschlagen. Zumindest aber stehe ich wieder aufrecht im Ring. "I promise to you, you get realy good quality, cheap price and best service. Ich lächel freundlich zurück: "Pleace give me your business-card with adress and telephone." Wer steht kann auch weglaufen. Wer seine Visitenkarte zückt kann mich nicht gleichzeitig festhalten ... doch ich möchte souverän aus dem Ring steigen und so nehme ich die Visitenkarte entgegen und reiche dem tapferen Scheiderlein die Hand. Mit einen festen - unmissverständlichen - Handschlag bedanke und verabschiede ich mich. Thailand, Land des Lächelns! Ein paar Straßen weiter taucht die nächste Schneiderbude auf: Diesmal versenke ich meine Hände gleich in den Hosentaschen. Fest zur Faust geballt. Du kriegst mich nicht zu fassen ... Du nicht!

Ach ja, da war ja noch die Sache mit den "special price" ... kurz gesagt: Ich sehe wenige Meter später erneut eine Schneiderei und in dessen Schaufenster eine Preistafel. Sakko, Hose und Weste, dazu zwei Hemden und zwei Krawatten ... ab 95 US$. Selbst wenn mir im Laden dann der doppelte Preis abgenommen wird ist das immer noch ein Drittel preiswerter und zwei Hemden mehr. Ich fasse den Entschluss 10 Kilo abzunehmen.
